Wie können Jugendliche im Social Web mit Angeboten der poltischen Bildung erreicht werden? Das Beispiel Web-Video hilft, die Bedingungen dafür zu verstehen.

(Mein Beitrag für ein Handbuch des jfc in Köln, das demnächst erscheinen sollte. Verfasst wurde der Artikel bereits Ende 2010.)

10.000.000 lautete jüngst eine weitere der vielen kaum fassbaren Zahlen, die im Zusammenhang mit YouTube kursieren: Zehn Millionen Mal wurden auf der Online-Videoplattform im September und Oktober 2010 die Videos einer US-amerikanischen Kampagne gegen das Mobbing homosexueller Jugendlicher abgerufen1. „Es wird besser“, die Gesellschaft wandelt sich – so lautet die Botschaft, die in den Clips von Prominenten und Politikern bis hin zu US-Präsident Barack Obama vertreten wird.

Video im Web wird bevorzugt herangezogen, wenn es darum geht, die Dynamik des Social Web (oder „Web 2.0“) zu verdeutlichen. Es kursieren zahlreiche Beispiele für „virale“ Videos – Clips, die allein durch die Weiterleitung durch Nutzer im Social Web enorme Aufmerksamkeit erzielt haben. Vor allem im Produktmarketing ist das Interesse an solchen viralen Effekten riesig, aber auch, wenn es um politische Kampagnen geht.

Allein, dass Web-Video als Kampagnen-Medium genutzt wird, macht es für die politische Bildung interessant. Zudem stehen Video-Plattformen für den Wandel vom Sender-Empfänger-Modell der Massenmedien hin zu den „Mitmach“-Medien des Social Web, zur aktiven Beteiligung der Mediennutzer. Mit ihnen wird oftmals die Hoffnung verbunden, politische Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.

Gleichzeitig entwickeln politische Institutionen auf allen Ebenen immer mehr konkrete Möglichkeiten der Beteiligung an politischen Prozessen im Netz. Nicht zuletzt soll die im Frühjahr 2010 vom Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ neue Formen der Teilhabe, der Bürgerbeteiligung und Partizipation untersuchen.

Was macht die „Generation Internet“ im Netz?

Zwar sind laut der im September 2010 vorgestellten Shell-Jugendstudie mittlerweile „alle im Netz“. Entgegen dem Eindruck, den solche Befunde und Schlagworte wie „Generation Internet“ vermitteln, kennen sich aber längst nicht alle Jugendlichen dort besonders gut aus. Wenn alle im Netz sind, spiegeln sich dort auch alle Eigenschaften, die Jugendliche generell kennzeichnen.

So macht die Shell-Studie eine „soziale Spaltung“ bei der Art der Internet-Nutzung aus. Nur ein Drittel der Jugendlichen, eher ältere männliche Jugendliche aus den oberen Schichten, nutzen die ganze Bandbreite von Anwendungen. Dagegen würde etwa ein Viertel, vor allem jüngere männliche Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, ihre Zeit mit Spielen verbringen. Zudem ist ein erheblicher Teil der Jugendlichen nur selten online. Zu den Wenignutzern zählen laut der Studie „Heranwachsen mit dem Social Web“2 41 Prozent.

Dass Jugendliche zunehmend im Netz aktiv sind, heißt nicht unbedingt, dass sie andere Medien nicht mehr nutzen. Das Internet ist Teil ihres Medien-Mixes, sein Alleinstellungsmerkmal sind die Kommunikationsfunktionen. Dazu zählen neben den entsprechenden Funktionen der Online-Communities nach wie vor E-Mail und Instant-Messaging-Dienste wie ICQ und MSN. Laut ARD-ZDF Online-Studie wenden Jugendliche durchschnittlich mehr als die Hälfte der Zeit im Netz für Kommunikation auf.

Lieblingsmedium Web-Video

Quer durch alle jugendlichen Nutzergruppen gehören Videos zu den beliebtesten Angeboten. Die Videoplattform YouTube ist die mit Abstand populärste Website überhaupt. Laut ARD-ZDF Online-Studie nutzen sie 95 Prozent aller jungen Onliner. Allein YouTube liegt damit deutlich vor den Online-Communities, selbst wenn man alle Anbieter wie SchülerVZ, Facebook oder wer-kennt-wen zusammennimmt. „Nur“ 81 Prozent der 14- bis 19-Jährigen haben der ARD-ZDF Studie zufolge dort ein eigenes Profil.

Zu den populärsten Video-Inhalten gehören Musikclips, Filmtrailer und Ausschnitte aus Fernsehserien. Besonders beliebt sind sogenannte „Fun“-Videos, z.B. Comedy-Videos, Persiflagen auf Fernsehserien oder zufällig gefilmte Missgeschicke. Viele „Fun“-Clips sind Amateuraufnahmen. Bevorzugt werden auch Videos angesehen, auf denen Freunde oder Bekannte zu sehen sind.3

Individualisierter Zugang

Auch Videos im Netz müssen differenziert betrachtet werden. Sie sind ein Unterhaltungsmedium im doppelten Sinne: Sie werden zur Unterhaltung konsumiert, vor allem aber sind sie Gegenstand, Gesprächsanlass oder Teil der Unterhaltung bzw. der Kommunikation unter Jugendlichen.

Der Zugang zu einzelnen Videos ist individuell sehr unterschiedlich. Jugendliche folgen entweder Hinweisen aus ihrem sozialen Umfeld, weitergegeben in Gesprächen oder als Link per E-Mail oder über Social Networks, oder sie suchen gezielt nach konkreten Videos wie Fernsehserien oder Musikvideos.

So erklärt sich der Effekt der viralen Verbreitung: Die größten Zugriffszahlen erzielen Videos, die einen Nerv treffen und so interessant sind, dass Internet-Nutzer sie an ihre persönlichen Netzwerke weiterleiten. Aber auch die Präsenz in den Massenmedien schlägt sich in hohen Abrufzahlen nieder. Zu den beliebtesten Inhalten gehören nach wie vor Musikvideos von Lady Gaga oder Michael Jackson.

 

Diese Zugangswege bringen mit sich, dass der enorme Bekanntheitsgrad von YouTube für die Reichweite einzelner Inhalte kaum eine Rolle spielt. Zwar erreichen besonders populäre Videos mehrere Millionen Abrufe. Mehr als die Hälfte wird dagegen weniger als 500 Mal angeschaut, 30 Prozent weniger als 100 Mal. Die meisten Videos werden zudem nur „extrem kurz“ angeschaut.4

Wo bleibt die Politik?

Nur ganz wenige Inhalte der populären Video-Plattformen haben im engeren Sinn mit Politik zu tun. Dennoch spiegeln sich gesellschaftliche Kontroversen und politische Themen natürlich auch im Social Web und bei YouTube. Dabei ragen einzelne Beispiele heraus, wie die erwähnten Clips gegen Homophobie oder das auch in Deutschland viel diskutierte Schockvideo, mit dem Greenpeace im Frühjahr 2010 auf die Zerstörung von Regenwäldern für Palmöl-Plantagen aufmerksam machen wollte.

Wesentlich mehr dürfte unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle der breiten Öffentlichkeit ablaufen. So machte jugendschutz.net im Sommer 2010 darauf aufmerksam, dass auch Rechtsextreme ihre Botschaften zunehmend mittels Musikclips bei YouTube verbreiten. Wer nach einschlägigen Bands sucht, stellt schnell fest, dass alle möglichen politischen Positionen in Form von Musik dort zu finden sind. Eine ganze Reihe von Konflikten der Offline-Welt spiegelt sich zum Beispiel in den Kommentaren zu HipHop-Videos, die offenkundig von überwiegend sehr jungen YouTube-Nutzern stammen. Dort streiten sich nach bekannten Mustern „Kurden“ und „Türken“, „Oben und Unten“, „Deutsche“ und „Araber“ etc.

Wer macht mit im „Mitmach-Web“?

„Broadcast yourself“ lautet der Slogan von YouTube. Doch nur ein Teil der Nutzer stellt tatsächlich selbst Inhalte auf Videoplattformen ein. Von 44 Prozent der jugendlichen Nutzer spricht der Videoplattformen-Report 2009. Deutlich mehr haben ein Video kommentiert (60 Prozent) oder ein Video bewertet (66 Prozent). Damit sind Jugendliche um ein Vielfaches aktiver als andere Altersgruppen. Laut ARD-ZDF Online-Studie veröffentlichen im Durchschnitt lediglich 7 Prozent aller Nutzer von Videoplattformen selbst Inhalte.

Die Qualität dieser eigenen Beiträge im Social Web ist zu Recht Gegenstand kritischer Diskussion. Was in Umfragen als „Aktivität“ gewertet wird, ist zum großen Teil weit entfernt von den Idealvorstellungen von gesellschaftlicher Beteiligung.

Auch die Möglichkeiten sind de facto begrenzt. Schließlich bewegen sich Jugendlichen im Social Web fast ausschließlich auf Plattformen kommerzieller Anbieter, die nach deren Interessen entwickelt werden. Eine echte Mitgestaltung dieser Kommunikationsräume ist kaum denkbar. Beteiligung bleibt in der Regel an der Oberfläche und erschöpft sich in der Anwendung vorgegebener Funktionen der Selbstdarstellung. Zwar beteiligen verschiedene Online-Communities die Nutzer an der Gestaltung von Regeln für die Anwendung der Plattform. Angesichts der Tragweite der technischen und organisatorischen Änderungen, die Plattformanbieter regelmäßig einseitig vornehmen, erscheint dies jedoch eher als eine Form von Alibi-Beteiligung bzw. präventiver PR, um Regulierungen durch den Gesetzgeber abzuwenden.

Dennoch besteht ein qualitativer Unterschied zwischen dem Konsum von Inhalten der Massenmedien und der alltäglichen Praxis der Mediennutzung im Social Web. Die Autoren von „Heranwachsen im Social Web“ führen drei Gründe an, warum das „Mitmach-Netz“ das Engagement von Jugendlichen unterstützen kann.

Erstens können bereits einfache Elemente der Selbstdarstellung eine Stellungnahme zu gesellschaftlich relevanten Themen sein. Das kann bereits die Mitgliedschaft in bestimmten Diskussionsgruppen sein oder die Angabe politischer Präferenzen im Profil einer Online-Community, sichtbar wenigstens für das eigene Netzwerk der Freunde und Bekannten.

Zweitens können Online-Plattformen genutzt werden, um sich aktiv einzubringen. Dabei können bereits einfache Beiträge wie Fotos von eigenen Aktivitäten Anlass für einen Austausch sein.

Drittens können diese Formen der Beteiligung in der Aktivierung anderer münden. So ist es schon ein kleiner Schritt, z.B. die Aufforderung weiterzuleiten, eine Protestmail an Abgeordnete oder Behörden zu schicken.

Jenseits des „Hypes“ – Neue Perspektiven für bewährte Methoden

Für alle Angebote politischer Bildung im Social Web gilt, dass sie am differenzierten Verhalten der jugendlichen Teilzielgruppen im Netz ausgerichtet werden müssen. Dabei darf Web-Video nicht als isoliertes mediales Darstellungsformat betrachtet werden. Es steht vielmehr im Kontext der gesamten Internet-Nutzung Jugendlicher. Die Funktion, die Web-Video und andere Angebote des Social Web im Rahmen der Kommunikation von Jugendlichen erfüllen, ist der Schlüssel für ihre Erreichbarkeit über diese Angebote.

Wenig Erfolg versprechend erscheint, in Anlehnung an die Trends im Marketing, Inhalte der politischen Bildung per viralem Clip zu verbreiten. Das ist angesichts der beschriebenen Beispiele zwar nicht unmöglich, aber eine Herausforderung mit kaum kalkulierbarem Erfolg. Schwer vorstellbar ist zudem, wie auf diesem Wege kontroverse und komplexe Themen behandelt werden könnten.

Umgekehrt ergeben sich ausgehend von der klassischen Jugendmedienarbeit vielversprechende Ansätze, wenn diese um die Möglichkeiten des Social Web erweitert wird. Das könnte zum Beispiel heißen: gemeinsam im Video-Workshop Inhalte erarbeiten, über YouTube, SchülerVZ etc. das soziale Umfeld mit einbeziehen – und so vielleicht im begrenzten Umfang sogar „viral“ werden, wenn die Clips auch den Nerv anderer treffen.

Das übergeordnete Ziel für konkrete Bildungsangebote könnte lauten, Brücken zu bauen: von der Alibi-Beteiligung und routinemäßiger Selbstdarstellung hin zu reflektierter Teilhabe mündiger „Netzbürger“, hin zu konstruktiver Auseinandersetzung mit Politik im Netz. Dabei verdient besondere Beobachtung, wie sich die Beteiligungsplattformen politischer Institutionen entwickeln. Ein theoretisches Handlungsfeld der politischen Bildung könnte darin bestehen, Qualitätskriterien für die Partizipation über diese Plattformen und für die Partizipation im Social Web im Allgemeinen zu formulieren.

Literatur

Busemann, Gscheidle: Web2.0: Nutzung steigt – Interesse an aktiver Teilhabe sinkt. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010. In: Media Perspektiven 7-8/2010

van Eimeren, Frees: Fast 50 Millionen Deutsche online – Multimedia für alle? Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010. In: Media Perspektiven 7-8/2010

JIMplus – Nahaufnahmen 2009. Einstellungen und Hintergründe zum Medienumgang der 12- bis 19-Jährigen. Qualitative Zusatzbefragung zur JIM-Studie 2009. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, Stuttgart 2009

JIM-STUDIE 2009 – Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, Stuttgart 2009

Lenhart, Madden, Rankin Macgill, Smith: Teens and Social Media. Pew Internet & American Life Project, 2007

Schmidt, Paus-Hasebrink, Hasebrink: Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schriftenreihe Medieforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, …

Schorb, Würfel, Kießling, Keilhauer: YouTube und Co. – neue Medienräume Jugendlicher. Medienkonvergenz Monitoring Videoplattformen-Report 2009 (MeMo_VP09), Leipzig 2009

Trebbe, Heft, Weiß: Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund. Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen. Kurzfassung zur Publikation in der Schriftenreihe Medienforschung der LfM, Band 63

Wagner, Ulrike: Partizipation mit und über Medien. In: Medien und Erziehung 5/2010

Wagner, Brüggen, Gebel: Web 2.0 als Rahmen für Selbstdarstellung und Vernetzung Jugendlicher. Analyse jugendnaher Plattformen und ausgewählter Selbstdarstellungen von 14- bis 20-Jährigen. JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München 2009

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